In mir ankommen
von Diana Tempel

In mir ankommen.

Was führe ich doch für ein geiles Schneckenleben. Ok. Ich gebe zu, dass ich für diese Erkenntnis ein bisschen gebraucht habe. Na gut, weil du es bist: ich habe ein bisschen länger gebraucht. Heute sieht man mir das wahrscheinlich nicht mehr an, aber jahrelang wollte ich unbedingt etwas anderes sein. So ein flottes und graziles Rennpferd, das wäre schon was für mich gewesen. Ich fand das Schneckensein weder attraktiv noch besonders aufregend. Aber so im Nachhinein betrachtet bin ich doch ein mutiges Exemplar meiner Gattung. Manchmal fühle ich mich echt wie eine Kamikazeschnecke, weil ich gern schnell von neuen Dingen angefixt bin. So auf einem leichten Blatt, quasi ohne Sicherheitsnetz und doppelten Boden verursacht das schon bei mir Magenkribbeln. 

Früher war damit bei mir eher das Gefühl der Angst belegt. Aber ich bin schon ein paar Mal so richtig auf die Fühler gefallen. Und das hat ganz schön weh getan. Vor allem, wenn die Last, das Gepäck, welches man mit sich trägt, einem ins Kreuz drückt. Das Gute daran ist ja, dass ich mich jederzeit zurückziehen kann, wenn ich mich selbst oder jemand anderes mich verletzt. Das ist in meinem Schneckenleben ziemlich häufig vorgekommen. Wobei mich das eigentlich wundert, weil viele Menschen Schnecken ablehnen oder sehr gern übersehen. Aber wer kennt das nicht aus seinem eigenen Alltag: solange man nützlich ist und funktioniert wird man gern geduldet. Nur die Anerkennung und Wertschätzung, die ich mir erhoffte, blieb aus. Ich kann da ganz schön ungemütlich werden, wenn ich sauer bin. Frag mal all diejenigen, denen nach meinem Genuss nicht mehr ganz wohl gewesen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass die das nächste Mal ein bisschen achtsamer und vorsichtiger sind, wenn ihnen so ein Schneckenexemplar wie ich es bin, begegnet.

Ach was soll’s. Es muss ja nicht mit jeder Schnecke gut Kirschen essen sein. Apropos Kirschen: Ich weiß ja nicht so genau, ob jede Schnecke Obst und Gemüse mag, aber ich seit einiger Zeit schon. Ich habe da mal eine kleine Ernährungsumstellung ausprobiert. Gefühlt die fünfzigste in meinem Leben. Noch so ein leidiges Thema. Was habe ich immer an mir herumkritisiert, weil es in meiner Schneckenhaut so eng gewesen ist! Außerdem habe ich mich immer wahnsinnig geschämt, wenn das Blatt sich unter meinem Gewicht so stark gebogen hat. Aber das gab natürlich auch Vorteile. Dadurch, dass ich etwas fülliger gewesen bin, wollte ich erreichen, dass die Menschen mich besser sehen. Aber der Schuss ist echt nach hinten losgegangen. Diejenigen, nach dessen Aufmerksamkeit ich mich sehnte, haben mich trotzdem ignoriert. Regelrecht totgeschwiegen haben sie mich. 

Einer von ihnen hat mir mal vor einer großen Gruppe gesagt, wie sehr er sich für mich schämt, weil ich nur ne dumme Schnecke geworden bin. Das hat so weh getan, mich innerlich zerrissen. Damit hat er volles Ding meine Grundwunde getroffen, sodass ich hätte vor Tränen zerfließen können. Eigentlich, prinzipiell, halte ich mich für ein taffes Schneckenmädchen. Aber als mir in dieser Situation auch noch der Mund verboten wurde um mich zu verteidigen, verfiel ich in eine betäubende und lähmende Sprachlosigkeit. Das ist so, als ob die scharfen Worte mit der entsprechenden Emotion in dir explodieren, jedoch dein Hals wie zugeschnürt ist und kein Wort deine Lippen verlässt. Ein ständig schwelender Konflikt in mir. Das ist echt krass – das kann ich dir aus eigener leidvoller Erfahrung sagen. Auch für dein Umfeld kann das eine echte Herausforderung sein. 

Ich habe da so eine Schneckenkumpeline, wo öfters mal Sprachlosigkeitswelten aufeinanderprallen. Und Schweigen kann ganz schön weh tun. Wenn dann im Inneren die Alarmglocken schrillen, weil es ums nackte Überleben geht. Ich weiß auch nicht so genau, ob es mir lieber wäre, wenn mein Umfeld auf meiner Schleimspur ausrutschen würde. Ich möchte schon mit Ehrlichkeit und Respekt behandelt werden.

Na jedenfalls bin ich froh über meine Schneckenfreundin. Wo findet man heute noch jemanden, mit dem man abends noch schneckig schnell ne Runde drehen kann? Ich fühle mich meistens so richtig lebendig, wenn die Zeit aus dem Ruder läuft, weil es so viel zu erzählen gibt. Häufig leuchtet alles so bunt um mich herum und ich spüre wie das Leben und die Energie durch mich hindurchfließt.

Ok. Es gibt auch Regentage, da klappt das mit der Kommunikation nicht ganz so gut. Aber für mich ist das inzwischen ok, da lerne ich noch auf meine alten Tage mich klarer auszudrücken und besser zuzuhören. Wichtig ist das Geschenk – die gegenseitig tief empfundene Zuneigung füreinander. Und das nach all den Verletzungen und Enttäuschungen, die das Leben bisher parat gehalten hat. Wir hätten uns auch entscheiden können ein Igel zu werden und jeden mit unseren Stacheln zu verjagen. Haben wir aber nicht! Ich habe es ja eingangs schon erwähnt – einmal mutig, immer mutig.

Das Allerbeste an meinem Schneckenleben habe ich erst letztens herausgefunden. Das war, als ob alle Lampen der Erleuchtung und des Erkennens auf einmal in mir angegangen sind. Festbeleuchtung war für den Abend angesagt; ich muss abends nicht mal nach Hause. Wenn ich genug vom Tag habe, ziehe ich meine Fühler ein und ziehe mich in mein Haus zurück. Das ist echt purer Luxus, weil ich das immer bei mir habe. Um mich geborgen zu fühlen, räume ich jeden Abend im Innen auf, mache sauber und schmeiße alles raus, was ich oder die anderen an Dreck mit hereingebracht haben. Und dann komme ich an. In mir. Weil ich mein Zuhause bin.

Diana Tempel

Wenn Du mehr über meine Arbeit erfahren möchtest, findest Du mein Profil hier im Portaloder schau gern auf meine Webseiten:

Solarplexusöffnung – Wer bin ich wirklich?
www.dianatempel.de
www.solarplexusoeffnung.de

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